SHANGHAI FUTURE. REMAKE DER MODERNE
DIE ZUKUNFT HAT KEIN DATUM
ANNA GREENSPAN
Ist Schanghai das New York des 21. Jahrhunderts? 103
Weltausstellung in Schanghai 2010
Nach dem Betreten des Auditoriums im Shanghai Automotive
Industry Corporation-General Motors (SAIC-GM)-Pavillon wurden
die Besucher in bewegliche Sitze geschnallt. Der Hauptteil des
Showreels der Weltausstellung in Schanghai spielte sich auf
einem 360⁰-Bildschirm ab; durch eine Kombination unterschiedlicher Technologien wurde das Gefühl erzeugt, man überfliege
die Stadt. Die Story selber war völlig verkitscht, diente aber sowieso nur als Hintergrundkulisse. Eigentliche Hauptattraktion
war die Darstellung einer Stadt, wie sie in zwanzig Jahren aussehen würde. Von den sich abzeichnenden Verwüstungen durch
Chinas massive Automobilisierung war im Porträt von Schanghai
im Jahre 2030 nichts zu sehen. Keine Rede von Verkehrsstaus,
Umweltverschmutzung oder Unfällen. Stattdessen gleiten die
Einwohner in intelligenten, batteriegetriebenen Kapseln durch
eine gigantische Science-Fiction-Stadtlandschaft aus spektakulären Wolkenkratzern und Hochstraßen. Man braucht nicht mehr
selbst zu fahren, die Passagiere verbringen die Fahrtzeiten in
Interaktion mit dem riesigen Glasfenster, einem vernetzten
103 Diese Frage wurde im Einführungsvideo zur Ausstellung »Future
City: China Prophecy« gestellt, das vom Juni 2009 bis zum April 2010
im Skyscraper Museum gezeigt wurde. Vgl. www.skyscraper.org/
EXHIBITIONS/CHINA_PROPHECY/china_prophecy.htm.
115
holographischen Bildschirm. Außerhalb ihres Sichtfeldes sieht
man grüne Parkanlagen, saubere Strände, riesige Windkraftparks, und einen wolkenlosen Himmel. Die Kapseln erreichen ihr
Endziel und landen bei großen außenliegenden Fahrstühlen, die
sich horizontal und vertikal durch die Türme der Stadt ziehen.
Nachdem die Kapseln ihre »Fahrer« an den Dockingstationen
ihrer Hochhäuser abgesetzt haben, steuern sie ihre Parkposition
auf riesenradähnlichen Landestationen an, wo sie aus den
Blickfeld verschwinden.
Der SAIC-GM-Pavillon zeigt eine Welt, die erst in Jahrzehnten Wirklichkeit wird, doch ihr Futurismus hat seine Wurzeln in
der Vergangenheit. Was auf der Schanghai Expo 2010 zu sehen
war, sollte explizit an GMs beliebten »Futurama«-Pavillon auf der
New Yorker Weltausstellung von 1939 erinnern. Wie ihr Gegenstück in Schanghai war die Hauptattraktion von »Futurama« eine
Rundfahrt, auf der eine Welt ausgemalt wurde, die zwanzig Jahre
in der Zukunft lag. Die Besucher wurden eingeladen, »in die Zukunft zu reisen« und einen Blick auf die »größere und bessere
Welt von morgen« zu werfen, »die wir heute in Amerika erschaffen«. Nachdem sie Platz genommen hatten, wurde ihnen ein detailreiches Diorama vorgeführt, das die »Wundersame Welt von
1960« porträtierte. Das Modell zeigte eine »durch wissenschaftliche Fortschritte effizient gemachte« Landwirtschaft, Vergnügungsparks und die »großartigen Schnellstraßen und Autobahnen der Zukunft«, die das ländliche Leben mit der städtischen
Zivilisation verbinden sollten. Die radikal in Zonen eingeteilte
Stadt, die von dem bestimmt wurde, was der Begleitkommentar
als »moderne und effiziente Stadtplanung« beschrieb, bestand
aus »wunderschönen Landschaftsparks am Flussufer«, erhöhten
Gehwegen und »vierhundert Meter hohen Wolkenkratzern, die
116
mit Landeplätzen für Hub- und Tragschrauber ausgestattet«
waren. Nach der Rundfahrt erhielten die Gäste einen blauweißen
Button mit der Aufschrift: »Ich habe die Zukunft gesehen.«
Das Thema der Ausstellung von 1939 lautete »Die Welt von
morgen«. Von der Ausstellung selbst hat kaum etwas überdauert, doch während die Zeit alle physischen Hinweise beseitigt
hat, ist GMs Futurama-Pavillon im Cyberspace wiederaufgetaucht. Das Video der »Wundersamen Welt von 1960« ist jetzt
auf YouTube verfügbar.104 Es ist ein drastischer Beleg dafür, wie
sehr wir den Futurismus von gestern vergessen haben. Einfach
auf Play klicken, und sich von einer süßlich-klebrigen Papaweiß-Bescheid-Erzählung einlullen lassen, die die explizite Ideologie der damaligen Zeit zusammenfasst. Wir erzielen »Verbesserungen auf allen Highways des Fortschritts«, jubelt das Video.
»Wir schreiten körperlich und geistig zu neuen Horizonten voran«,
geht es mit einer Stimme weiter, die von der ganzen Zuversicht
der damaligen Zeit durchdrungen ist. »Der Mensch strebt
beständig danach, das Alte durch das Neue zu ersetzen […]. Wir
steuern auf eine Zukunft zu, die vorstellbar wird, gestaltbar ist
und kontinuierlich besser wird.«105
Heute kommt dieser Fortschrittsoptimismus vielen, zumindest in den Industrienationen, veraltet, absurd und erschreckend
naiv vor. Es ist nicht so, dass GMs Vision der 1960er Jahre überholt wäre – letzten Endes hat der Futurama-Pavillon ja das umwälzende System der Interstate-Highways in den USA vorausgesehen, das Mitte der 1950er Jahre unter Eisenhower, wenige
104 Futuruma
1939, New York’s World Fair, »To New Horizons«,
www.youtube.com/watch?v=1cRoaPLvQx0.
105 Ebd.
117
Jahrzehnte nachdem es auf der Weltausstellung präsentiert
wurde, gebaut wurde. Es ist vielmehr der Geist des Futurismus
selbst, der auffällig überholt zu sein scheint. Die Fortschrittsvorstellungen, die von Futurama verkörpert werden, lösen – zusammen mit Bildern von Jetpacks und Haushaltsrobotern – eine
wehmütige, tragikomische Sehnsucht nach einer Zukunft aus,
die nie eingetreten ist. Vor allem das uneingelöste Versprechen
des Tragschraubers scheint uns zu verhöhnen. »Wo sind die fliegenden Autos geblieben?«, fragen Autoren, von den unerfüllt gebliebenen Träumen enttäuscht.106 Über ein Jahrhundert (oder
mehr) der Science-Fiction, der Futurologie und der populären
Fortschrittserwartungen hat sich eine umfangreiche Hinterlassenschaft gescheiterter Vorhersagen angehäuft, die von der
Kolonisierung des Weltraums, Siedlungen auf dem Meeresgrund, extravaganten städtischen Designs, fortschrittlichen Verkehrssystemen, humanoiden Hausrobotern und Strahlenpistolen
bis hin zu Raumanzügen und Lebensmittelpillen reicht,107 schreibt
Nick Land in seinem Blog über die Schanghai-Zeit.108 Der offensichtliche Unterschied zwischen dem, was es heute gibt, und dem,
wovon wir dachten es würde es geben, verursacht uns inzwischen
doch ein größeres Unbehagen, bezüglich unserer Vorstellungen
einer zukünftigen Welt. »Wir haben nicht mehr dasselbe Verhältnis
zum Fortschritt wie früher«, stellt der Autor Michael Specter fest.
106 Siehe David Graeber, »Of flying cars and the declining rate of profit«,
The Baffler, 19. März 2012.
107 Nick Land, »A time-traveler’s guide to Shanghai (Part 3)« , Urban
Future, 29. Juli 2011.
108 Wie schon erwähnt, ist Nick Land mein Partner. Ich zitiere ihn öfter,
da wir vieles von dem, was in dieses Buch eingegangen ist, gemeinsam entwickelt haben.
118
»Wir sprechen auf ambivalente Weise über den Fortschritt und
versehen ihn mit ironisierenden kleinen Anführungszeichen: ›Fortschritt‹.«109 In unserem zynischen postmodernen Zeitalter ist »Retro-Futurismus« die einzige Form von Futurismus, die überlebt.
»BERÜHRE DIE ZUKUNFT«110
Alles was in Schanghai neu ist, wurde in den letzten beiden Jahrzehnten produziert. Die Bewohner wurden gezwungen, sich an
die mit rasender Geschwindigkeit ablaufenden Veränderungen
der Stadt anzupassen. Seit ich hier bin, 2012, habe ich all dies –
neben dem ständigen Wechsel von Geschäften, Restaurants
und Bars und dem Auftauchen von Parks, Wolkenkratzern und
vielen U-Bahn-Linien – allein schon in meiner unmittelbaren
Nachbarschaft erlebt. Der altbekannte Witz, der Baukran sei das
»Wappentier« Chinas, bezieht sich auf die gewaltigen Veränderungen, welche sich innerhalb der Stadtlandschaft von Schanghai vollziehen. »Die Geschwindigkeit und die Effizienz, mit der
die kommunistischen Behörden Schanghai von einem eingemotteten Relikt der Vergangenheit in eine überwältigende Vision der
Zukunft verwandeln, wird die Welt aufrütteln«, schreibt Daniel
Brook, der Autor von A History of Future Cities. »In nur 20 Jahren
fahren die Leute in der Stadt nicht mehr mit dem Rad zu heruntergekommenen Fabriken, sondern mit dem schnellsten Zug der
Welt zum neuerbauten internationalen Flugplatz. Provisorische
109 Michael Specter, »The danger of science denial«, TED Talks, Februar
2010, www.ted.com/talks/michael_specter_the_danger_of_science_
denial.html
110 Werbeslogan für die Expo 2010.
119
Hütten werden durch eine hoch aufragende Stadtlandschaft ersetzt, die mehr Hochhäuser zählt, als Manhattan.«111 In Schanghai, bemerkt der Designer Greg Yager, »spielt sich die größte
Umgestaltung einer Region in der Geschichte überhaupt ab.«112
Die Intensität der städtischen Neuentwicklung, die vor der
Expo stattgefunden hatte, erstaunte selbst jene, die an Schanghais Schnellfeuer-Tempo gewöhnt waren. Bei den Vorbereitungen für die Expo 2010 wurde die ganze Stadt umgekrempelt.
Überall sah man Teams von Arbeitsmigranten – sie hingen an
Leitern und baumelten an Seilen. Stein für Stein ersetzten sie
fast jeden Gehweg, strichen fast jede Wand und jeden Zaun,
erneuerten jedes Gitter und restaurierten jede Fassade. Am
malerischen Flussufer wurden Straßen gebaut und ein Dutzend
historischer Gebäude renoviert. Das U-Bahn-Netz wurde massiv
erweitert. Überall, wo man hinsah, schienen auf magische Weise
Verkehrsknotenpunkte, Supertürme und Parks zu entstehen.
Ganz im Sinne des Schanghai-Stils ließ die Expo 2010 alle anderen Weltausstellungen in jeder erdenklichen Weise verblassen.
Sie hatte ein noch nie da gewesenes Budget, die größte Fläche,
die meisten Teilnehmer und – mit über siebzig Millionen Menschen – die meisten Besucher. Ihr klares und bewusstes Ziel war
die Wiederbelebung der Weltausstellungen eines früheren Zeitalters. Als Gastgeber der Expo 2010 wollte Schanghai den Fortschrittsoptimismus eines vorangegangenen Zeitalters wiederaufleben lassen.
111 Daniel Brook, »Head of the Dragon: The Rise of the New Shanghai«,
Places: Design Observer, 18 February 2013.
112 »Shanghai rising«, Bloomberg Businessweek Magazine, 8. Februar
2007, www.bloomberg.com/news/articles/2007-02-08/shanghai-rising
businessweek-business-news-stock-market-and-financial-advice.
120
Außerhalb Schanghais hatten indessen nur wenige etwas
von der Expo gehört. Noch weniger glaubten, dass sie irgendeine Bedeutung hätte. Gehörten Weltausstellungen mit ihrem
unverhohlenen Lobgesang auf die Moderne und den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt nicht der Vergangenheit an? Ist der Traum einer Zukunftsmetropole nicht ausgeträumt? »Als Gastgeber der Weltausstellung mit riesigen Pavillons und futuristischen Bildschirmen kann Schanghai seinen überbordenden Stolz kaum verbergen«, schrieben die Wissenschaftler Jeffrey Wasserstrom und Maura Cunningham in einem Artikel,
in dem sie die Weltausstellung mit der Olympiade in Peking im
Jahre 2008 verglichen. »Doch bei all diesem Brimborium muss
sich die chinesische Regierung irgendwie enttäuscht fühlen,
dass diese ›zweite Olympiade‹ in der Weltöffentlichkeit so wenig
Aufmerksamkeit erregt.«113 Weltausstellungen sind schon lange
»in der Schublade der Geschichte abgelegt worden«, fügt die
futuristische Philosophin Virginia Postrel hinzu. »Wie Space
Food Sticks und Jonny Quest sind sie – zumindest bei den über
Fünfzigjährigen – in liebevoller Erinnerung geblieben, nur etwas
lächerlicher.«114 Patti Waldmeir beschrieb das gleiche Gefühl in
einem Artikel für die Financial Times mit einer Frage: »Geht es
bei der [Schanghai-] Expo darum, sich die Zukunft vorzustellen,
oder nur darum, von der Vergangenheit zu träumen?«115
113 Maura Elizabeth Cunningham und Jeffrey N. Wasserstrom, »China
Discovers World Expo Is No Olympics«, Yale Global, 17. August 2010.
114 Virginia Postrel, »The lost glamour of World’s Fairs«, Deep Glamour,
27. Juli 2010, vpostrel.com/blog/the-lost-glamour-of-world-fairs.
115 Patti
Waldmeir, »Determined to be biggest and best«, Financial
Times, 30 April 2010.
121
Zudem gibt es den weit verbreiteten Glauben, dass Schanghais Versuche, eine »Welt von morgen« zu gestalten, ein ironisches Zeugnis für die Rückständigkeit der Stadt sind. Statt
voranzuschreiten und über die Bereiche des Bekannten hinauszugehen, fängt Schanghai einfach wieder eine vorherige Ära ein,
um einen Prozess zu wiederholen, der anderswo bereits sein
Ende gefunden hat. Modernität, schreibt die Wissenschaftlerin
Ananya Roy, »wird zu oft so interpretiert, als ob sie sich, im Westen zuerst auftauchend, über den Rest der Welt verbreiten würde. So ist es auch mit dem Urbanismus. Daher werden die Modernität und Globalität von südlichen Städten im Wertebereich
zwischen Erstaunen und Entsetzen betrachtet; sie werden als
schwache Kopien eines westlichen Urbanismus gesehen.«116
Nach diesem Gedankengang wird China, indem es dem gut
ausgebauten Entwicklungsweg folgt, schlussendlich über seinen
naiven Zukunftsglauben hinauswachsen – genauso wie es der
westlichen Welt gelungen ist. Schanghais Traum, die Stadt von
morgen zu bauen, wird somit einen vorhersehbaren und wohlbekannten Lauf nehmen. »Die Chinesen«, schreibt Postrel in einer
Kolumne mit dem Titel »Der verlorene Glanz der Weltausstellungen«, »verstehen nicht, warum wir ihre Weltausstellung nicht
mögen. Sie werden es herausfinden.«117
Die Idee jedoch, dass Schanghais Gegenwart auf einer
Nachahmung beruht, dass sein gegenwärtiger Futurismus
116 Ananya Roy, »Conclusion - Postcolonial Urbanism: Speed, Hysteria,
Mass Dreams«, in Aihwa Ong und Ananya Roy, Worlding Cities: Asian
Experiments in the Art of Being Global, Oxford 2011, S. 309-310.
117 Virginia Postrel, »Shanghai Shangri-La?«, Big Questions Online, 27
Juli 2010, www.bigquestionsonline.com/columns/virginia-postrel/
shanghai-shangrila.
122
unweigerlich vergangenheitsorientiert ist und dass seine Versuche, voranzuschreiten, nur die Tatsache enthüllen, dass es weit
zurückliegt, setzt, wie wir sehen werden, ein ganz bestimmtes
Verständnis der Zukunft und der Zeit voraus. Im Grunde geht es
darum, die Zukunft relativ, als einen spezifischen Punkt auf einer
Linie zu verstehen; einen Punkt, der zeitlich vor uns liegt. Dieser
Begriff der Zeitlichkeit soll in diesem Text in Frage gestellt werden und es wird davon ausgegangen, dass sich in Schanghais
kontinuierlichem Aufschwung eine Alternative zu dieser heute
vorherrschenden Form von Zeitbewusstsein finden lässt. Schanghais Ehrgeiz – die überragende Metropole des 21. Jahrhunderts
zu werden – erfordert nicht nur die Einflussnahme darauf, was in
der Zukunft liegt, sondern auch, und noch grundlegender, dass
die Idee, was Zukunft an sich bedeuten kann, umgestaltet wird.
Geschichtlich gesehen, ist die moderne Zeit ein Produkt der
Synthese von Uhr und Kalender. Die mechanische Uhr ermöglichte es, die Zeit von den Ereignissen, die in ihr auftreten, zu
trennen. Uhren lösten die Zeitlichkeit aus den Bewegungen der
Planeten und den zyklischen Wiederholungen der Jahreszeiten,
auf denen das traditionelle Zeitbewusstsein beruhte. Mit der
Erfindung der Uhr und ihrer darauffolgenden Verbreitung wurde
die Zeit von ihren implizit räumlichen Ausrichtungen gelöst und
von allen qualitativen Unterscheidungen befreit. Die Zeit wurde
somit zur reinen und absoluten Dauer und passte sich, wie Nick
Land schrieb, perfekt »ihrer mathematischen Idealisierung (als
reale Zahlenreihe)« an.118
118 Nick
Land, »Time in transition«, Urban Future, 13 Juli 2011,
www.thatsmags.Com/shanghai/article/777/time-in-transition.
123
Obwohl Uhren bereits im 11. Jahrhundert in China erfunden
wurden, entwickelte sich ihre wahre Macht erst dreihundert Jahre
später mit ihrer Wiederentdeckung in Europa. Auf diese äußerst
wirkmächtige geschichtliche Kontingenz folgend, wurde die pure,
leere und abstrakte Methode der Zeitunterteilung in Minuten und
Stunden (in eine Uhrzeit) mit dem Gregorianischen Kalender verknüpft, als man begann, die Tage zu zählen. So verband sich die
Zeit der Moderne mit dem christlichen Kalender. Der Gregorianische Kalender wurde im Jahre 1582, zur Zeit der Entstehung des
Kapitalismus, von Papst Gregor XIII. durch Modifikationen des
Julianischen Kalenders begründet. 1699 wurde er von den deutschen protestantischen Staaten, 1752 von England und seinen
Kolonien, 1873 von Schweden und Japan und 1912 von China
übernommen. Heute sind Papst Gregors Kalenderreformen zur
Grundlage für eine unbestrittene Zeit-Vorstellung geworden, die
sich über die ganze Welt ausgebreitet hat; der Gregorianische
Kalender gilt heute als der (fast) unstrittige Kalender der Globalisierung. »Es ist ein spannendes und unhintergehbares Paradox
der globalisierten Moderne«, fährt Land in einem Blog mit dem
Titel »Kalendarische Herrschaft« fort, »dass ihre Annäherung an
die Universalität grundsätzlich durch ethno-geographische Besonderheiten eines entschieden vormodernen Typus strukturiert
bleibt«.119 Die Rhythmen, die Geschichte und die Sehnsüchte
einer Kultur sind in ihren Kalendern verwurzelt. Deshalb sind Kalender sowohl für Machthaber als auch für revolutionäre Gruppen immer so bedeutsam gewesen. Kalender sind das sicherste
Mittel, mit dem sich eine Kultur sowohl von ihrer unmittelbaren
119 Nick Land, »Calendric dominion«, Urban Future, 30 September 2011,
www.thatsmags.com/shanghai/article/1096/calendric-dominion.
124
Vergangenheit als auch von ihrer vorhandenen Umgebung
absetzen kann. Eine kalendarische Veränderung gilt daher oft
als der erste und wichtigste Schritt einer Kultur auf ihrem Weg in
die Autonomie und bei der Etablierung ihrer Traditionen. Wie
William Burroughs bemerkte, muss man den Kalender einer
Kultur ändern, um diese selbst zu verändern.
Die rechnerische Leistung des Gregorianischen Kalenders
(insbesondere das Fehlen eines Jahres Null), die Rituale und
Rhythmen, die in seine Zählung eingebettet sind, fixieren die moderne Zeit in einer ganz bestimmten kulturellen Matrix. In ihrem
Inneren wird diese Kultur von der Idee einer zeitlichen Progression geprägt. Der jüdisch-christlichen Tradition ist eine integrierte
Eschatologie inhärent. Die Zeit in sich ist von einem VorwärtsImpuls und einem stark gerichteten Sog durchdrungen. Dem
Historiker Norman Cohn zufolge können wir die Entstehung der
evolutionären Zeit bis zu Zoroaster zurückverfolgen, der mit
einem älteren Zeitmodus brach, welcher von einem unaufhörlichen und unlösbaren Kampf zwischen den Kräften von Chaos
und Ordnung bestimmt wurde. Zoroaster führte, so Cohn, das
Konzept einer »Zeit ein, die in Richtung einer einzigen, finalen
Vollendung durch unablässigen Konflikt, auf einen konfliktlosen
Zustand zuschreitet.«120
Nach Zoroaster konnte nicht nur die Geschichte, sondern auch
die Zeit als einer letztendlichen Bestimmung entgegenstrebend
verstanden werden. Innerhalb dieses eschatologischen Zeitbewusstseins wurde die Zukunft zu einem Punkt, der uns auf dem
vor uns liegenden Weg erwartet. Die mit Zoroaster einsetzende
120 Norman Cohn, Cosmos, Chaos and the World to Come: The Ancient
Roots of Apocalyptic Faith, Yale 1993, S. 227.
125
revolutionäre Verschiebung der Zeit wurde von der Kultur des
alten Griechenlands übernommen (man beachte zum Beispiel
die fortschreitende Annäherung an eine Zivilisation, die der
Theogonie oder der Orestie inhärent sind). Diese Verschiebung
wurde von den monotheistischen Traditionen aufgenommen und
letztlich verstärkt. Das Fortschrittsverständnis einer sowohl mit
einem Anfang, als auch mit einem Ende verknüpften Zeit war
äußerst einflussreich, und seine Folgen sind bis heute zu spüren.
Vom Marxismus »mit seinen quasi-millenaristischen Elementen«121 bis zu den utopischen Visionen der Stadt von morgen
bringen die Moderne und der Futurismus, auf den sie sich beruft,
weitgehend noch immer diese Zeitauffassung zum Ausdruck.
Die westliche Kultur war somit höchst effektiv darin, die Zeit
mit ihren eigenen kulturellen Narrativen zu codieren. Es gelang
ihr dadurch erfolgreich, die Moderne als die ihre auszugeben.
Viele der enthusiastischsten Modernisierer Chinas – von der Bewegung des vierten Mais über die marxistischen Revolutionäre
bis zu den heutigen technokratischen Planern – haben dieses
Narrativ weitgehend akzeptiert und plädieren dafür, dass China
seine rückwärts gerichteten Traditionen aufgibt, um eine nach
vorwärts schauende Chronologie zu übernehmen.
In diesem Text wird die These stark gemacht, dass der
Schanghai-Futurismus letzten Endes davon abhängig ist, dass
er mit der heute üblichen Annahme zum Wesen der Zeit bricht.
Er spürt der Annahme nach, dass sich im zeitgenössischen
Schanghai die Potenzialität einer grundlegend anderen Zukunft,
die nicht relativ, sondern real und absolut ist, anzeigt. Dieser
absolute Futurismus gehört keiner linearen Geschichte an. Er
121 Ebd.
126
kennt keinen zeitlichen Zielpunkt, der relational bestimmt werden
kann. Die absolute Zukunft existiert heute vielmehr, exakt so wie
vorher, als zeitlose Gegenwart, als virtueller Bereich, der »die
Gegenwart rückwirkend mit seinen Auswirkungen durchdringt.«122 Aus dieser Perspektive wird Schanghais Rückbesinnung an die Moderne von gestern nicht von einem Wiederholungszwang angetrieben. Die Stadt versucht vielmehr einen verlorengegangenen Futurismus wiederzubeleben, der heute genauso unvorhersagbar ist, wie in der Vergangenheit. Was letzten
Endes herauskommen wird, kann weder vorausgesagt, noch
geplant oder projektiert werden, da es per Definition völlig unvorhersehbar bleibt. Niemand weiß, wie die zukunftsorientierteste
Stadt Chinas aussehen wird oder welche Zukunft diese Stadt
erschaffen kann.
DIE WELT VON MORGEN
Um die Stadt der Zukunft bei ihrer Rückkehr in eine neue Zeit
und einen neuen Ort zu kartographieren, muss zuerst ihr Verschwinden untersucht werden. Was geschah mit dem Futurismus der jüngeren Vergangenheit? Wie konnte die Idee einer
relativen Zukunft so sehr in Misskredit geraten? Warum wird die
Welt von morgen heutzutage so sehr mit einem bereits vergangenen Zeitalter identifiziert?
Die Weltausstellung von 1939 wurde auf dem Gelände einer
ehemaligen Aschedeponie in Flushing Meadows, Queens, New
122 Nick Land, »Introduction to the afterlife«, Design Ecologies, 2, 1
(2012).
127
York errichtet. Das ganze Gelände – das größte, das je für eine
Weltausstellung benutzt wurde – wurde aus diesem Anlass
saniert und gepflastert. Als die Ausstellung öffnete, waren alle
Spuren der industriellen Verschmutzung beseitigt, und das
Gelände war säuberlich in farb-codierte Sektionen nach spezifischen Themen eingeteilt. Die Messearchitektur stellte ein Vorzeigeprojekt des Höhepunktes der Neuzeit dar, indem sie stromlinienförmige Elemente der Moderne – Beispiele für das, was
später als Art déco bezeichnet werden sollte – mit dem aufkommenden International Style kombinierte.
Die markantesten Bauten – Schlüsselsymbole der Ausstellung – waren ein weiß glänzender Turm und ein Kuppelsaal, die
im Geiste des Einfallsreichtums der damaligen Zeit »Trylon« und
»Perisphere« getauft wurden. Die Besucher gelangten über die
größte Rolltreppe, die je gebaut wurde, in den riesigen Kuppelsaal. Im Inneren befand sich die zweitbeliebteste Ausstellung der
Expo, »Democracy«, das Diorama einer utopischen Metropole
im Jahr 2039.
Der Geist des entfesselten Optimismus wurde am pathetischsten durch die »Westinghouse Time Capsule« verkörpert,
eine Röhre, randvoll mit kulturellen Objekten – allem möglichen,
von Einsteins Schriften bis zur Mickey Mouse-Uhr –, die versiegelt
und für die kommenden 5.000 Jahre vergraben wurde, um von
den Historikern der Zukunft wieder ausgegraben und untersucht
zu werden. Dieser kulturelle Impuls, eine Tausende von Jahren
entfernt liegende Welt vorauszusagen, ging mit der wachsenden
Popularität von Science-Fiction als kultureller Form einher. Die
erste internationale Science-Fiction-Konferenz, an der bekannte
Schriftsteller wie Isaac Asimov und Ray Bradbury teilnahmen,
fand im Rahmen der New Yorker Weltausstellung von 1939 statt.
128
Neben diesen phantastischen Spekulationen gab es Vorführungen technologischer Erfindungen, die das Alltagsleben im 20.
Jahrhundert prägen sollten. So wurden auf der Ausstellung erstmals Nylon, 3D-Filme und fluoreszierendes Licht präsentiert. Im
»Eskimo Igloo of Tomorrow« der Carrier Corporation kamen viele Besucher zum ersten Mal mit einer Klimaanlage in Berührung.
Zusätzlich zu regelmäßigen Vorführungen des »Electro the Motor Man«, wurden im Westinghouse Pavillon Wettbewerbe zwischen »Frau Drudge« [Arbeitssklave], die auf herkömmliche
Weise Geschirr spülte, und »Frau Modern«, die sich den modernen Komfort eines Geschirrspülers zunutze machte, gezeigt.
Präsident Franklin Roosevelts Eröffnungsansprache wurde zum
ersten Massenereignis, das im Fernsehen übertragen wurde.
»Der Blick der Vereinigten Staaten«, sagte er der Welt, »ist fest
auf die Zukunft gerichtet.«123
Die Feier der Zukunft war Teil des Geistes der Ausstellung, die
seit Anbeginn, seit der Großen Ausstellung von 1851, immer ein
Festival der globalen Moderne gewesen ist. Zu Beginn und Ende
des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Weltausstellungen großartige bedeutsame Ereignisse. Im Zeitalter vor
dem Fernsehen, waren sie bei weitem das wichtigste globale
Spektakel. Die Ausstellungen stellten in ihrer Bedeutsamkeit
sogar die Olympiaden in ihren Schatten; tatsächlich waren die
Olympiaden zur Jahrhundertwende in Paris und 1904 in St. Louis
eher Begleitveranstaltungen für die Weltausstellung.
123 Aus der Dokumentation World of Tomorrow von 1984, Regie von
Lance Bird und erzählt von Jason Robards. Das Drehbuch wurde
von John Crowley geschrieben, der, wie mir Jeffrey Wasserstrom
mitteilte, hauptsächlich für seine Science-Fiction- und Fantasy-Arbeiten bekannt ist (wie zum Beispiel The Great Work of Time).
129
Die Ausstellung begann als riesige Fachmesse, die die modernen Weltwunder feiern sollte. Viele technologische Errungenschaften wie die Dampfmaschine, der Fahrstuhl, die Schreibmaschine, Telefone, Filme und Roboter wurden erstmals auf der
Expo ausgestellt. Charlotte Brontë beschrieb die Ehrfurcht der
Besucher, die sie beim Besuch des Crystal Palace, der die
Große Ausstellung von 1851 beherbergte, erleben konnte:
»Ihre Erhabenheit besteht nicht nur in einer einzigen
Sache, sondern in der einmaligen Zusammenstellung aller
Dinge. Man findet dort, was immer der menschliche Fleiß
geschaffen hat, von den großen Abteilungen mit Eisenbahnmaschinen und Dampfkesseln, mit Mühlen in voller
Funktion, mit großartigen Kutschen aller Art und Zaumzeug von jeglicher Beschaffenheit bis hin zu den glasbedeckten und samtbespannten Ständen, die mit den prächtigsten Arbeiten der Gold- und Silberschmiede beladen
sind, und zu den aufmerksam bewachten Schatullen voller echter Diamanten und Perlen, die Hunderttausende
Pfund wert sind. Man mag sie als Basar oder als Messe
bezeichnen, es handelt sich aber um einen Basar oder
eine Messe, wie sie nur ein Genius aus dem Osten ersinnen kann. Es scheint, als könne nur Magie diese Masse
an Reichtum von allen Winkeln der Erde zusammentragen,
als ob einzig übernatürliche Hände es vermöchten, sie mit
solch einer Pracht und einem Kontrast an Farben und mit
solch wunderbarer Wirkungskraft zu arrangieren.«124
124 Zitiert bei Nick Land, Shanghai World Expo Guide, Shanghai 2010,
S. 83.
130
Als Gastgeber für diese Ereignisse, die gemeinhin als Zeitmesser des Fortschritts betrachtet wurden, zu fungieren, war für
Städte wie London, Paris und New York sowohl ein entscheidender Beitrag, als auch ein zentraler Initiationsritus auf dem Weg
zu ihrem Status als Weltmetropolen.
Doch von Anfang an gab es Andeutungen von Widersprüchen, die sich innerhalb der Messe auftaten, Spannungen, die
letztendlich zu ihrem Niedergang führten. Mit dem Beginn des
Ersten Weltkriegs wurde der Optimismus der Moderne vom ersten Hieb in einer furchtbaren Reihe katastrophaler Rückschläge
getroffen. »Die erste große Welle globaler Modernität zusammen
mit den dazugehörigen Illusionen erreichte ihren Zenit im Sommer 1914. Dann kam die Apokalypse«, schreibt Land in einer für
den Shanghai Expo Guide von Urbanatomy geschriebenen,
komprimierten Zusammenfassung der Schrecken des 20. Jahrhunderts. »Im Laufe von drei Jahrzehnten zerstörte Europa sich
selbst, der Krieg zerfetzte in einem vorher unvorstellbaren Maße
den Kontinent, gefolgt von Seuchen, wirtschaftlichem Zusammenbruch, totalitären Revolutionen und einem weiteren Krieg,
der dieses Mal durch systematischen Völkermord, noch größere
globale Expansion und Science-Fiction-Bewaffnung von kosmischer Schlagkraft zum völligen Inferno wurde.«125 Doch die globalen Katastrophen wirkten sich weiterhin nur langsam auf den
von der Ausstellung verkörperten Utopismus aus. 1933 veranstaltete Chicago eine äußerst erfolgreiche Expo mit dem Thema
»Ein Jahrhundert Fortschritt«, die achtundvierzig Millionen Besucher anzog.
125 Ebd., S. 107.
131
Die Weltausstellung, die sechs Jahre später, im Jahre 1939,
öffnete, hatte ein ungemein schlechtes Timing. Sie fand während
der kurzen Auszeit zwischen dem Elend der Großen Depression
und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs statt. Als Ereignis
konzipiert, um der Düsternis der damaligen Zeit etwas entgegenzusetzen, sollte sie einer geknechteten Welt zeigen, dass selbst
angesichts der Lebensmittelknappheit und der Massenarbeitslosigkeit das Beste noch bevorstand. Der auf der Ausstellung
demonstrierte Futurismus brachte die optimistische Kultur Amerikas zum Ausdruck. Dadurch enthüllte er auch – zumindest retrospektiv betrachtet – die Unzulänglichkeit der Imagination zu jenem Zeitpunkt. Um nur ein einfaches, aber bezeichnendes Beispiel anzuführen: Die Dokumente, die in der Westinghouse Time
Capsule eingegraben wurden, aufbewahrt und erst im Jahre 6.939
gelesen werden sollten, wurden auf Mikrofilm kopiert, eine Technologie, die schon zur damaligen Zeit im Begriff war, durch das
Aufkommen der digitalen Technologie obsolet zu werden. Noch
unheilvoller: Souveräne Länder, die 1939 vertreten waren, wurden besetzt und besiegt, noch bevor die Ausstellung zu Ende
ging. Am Japan-Tag, weniger als zwei Jahre vor Pearl Harbour,
besuchten offizielle Vertreter der USA den japanischen Pavillon,
um die »Fackel der ewigen Freundschaft« entgegenzunehmen.
Die Vision der globalen Modernität, die auf der Weltausstellung
zur Schau gestellt wurde, löste sich klar von der Realität. Die
Welt von morgen entsprach seither nicht mehr gut durchdachten
Plänen, da sich jenseits dieser Phantasievorstellungen eine
reale Welt entwickelte. »Die Voraussagen«, sagt Jason Robards, der eine wunderbar nostalgische Dokumentation über die
132
Ausstellung von 1939 erstellte, »waren ebenso unzureichend wie
abwegig, wie das bei Voraussagen immer der Fall ist.«126
Trotzdem wurde der optimistische Futurismus als Markenzeichen der Ausstellung weitere zwanzig Jahre erfolgreich angepriesen. Sowohl die Weltausstellung von 1964 in New York als
auch die von Montreal im Jahre 1967 waren große Jubelfeste
zum Anbruch des Raumfahrtzeitalters. Gegen Ende der 1960er
Jahre wurde jedoch klar, dass die rosige Ideologie, die von der
Ausstellung verkörpert werden sollte, von unvorhergesehenen
Ereignissen untergraben wurde. Gesellschaftliche, kulturelle und
technologische Revolutionen, die weder vorhergesagt noch
geplant waren, machten GMs Beschwörung einer »Wunderwelt
von 1960«, in der es für Feminismus, Bürgerrechte und den Vietnamkrieg keinen Platz gab, zum Gespött. Die maßvolle Blaupause des Fortschritts, der von den Weltausstellungen propagiert
wurde, begann laut Virginia Postrel »gesellschaftlich anstößig
und empirisch falsch zu sein. In den 1960er Jahren rebellierten
die Neue Linke und die Goldwater’sche Rechte, Hippies und
Hacker, persönliche Befreiungsbewegungen und Denkmalschützer der Geschichte gegen die Tyrannei der Expertise.«127
Einen kollabierenden Zukunftsglauben findet man bereits im
Jahr 1962, als Hanna-Barbera die Trickfilm-Fernsehserie Die
Jetsons startete, die bis heute als Paradebeispiel für den RetroFuturismus der Popkultur gilt. »Ich habe jahrelang die Art und
Weise beobachtet, in der wir über die Zukunft sprechen«, sagt
Matt Novak in seinem Blog Paleofuture. »Und kein Bezugspunkt
126 Lance Bird, World of Tomorrow.
127 Virginia
Postrel, »Shanghai Shangri-La?«, Big Questions Online,
Dienstag, 27. Juli 2010, www.bigquestionsonline.com/columns/
virginia-postrel/shanghai-shangri-la.
133
war als Symbol des Glaubens an das Morgen beliebter und vielfältiger als Die Jetsons.«128 Die Jetsons machten sich die populäre Lobpreisung des Raumfahrtzeitalters zur damaligen Zeit
zunutze. Der Zeit gemäß verband die Serie, wie Novak notiert,
den Techno-Utopismus mit Ängsten vor dem Kalten Krieg. Doch
das wichtigste Element der Jetsons war der subversive Humor.
Als futuristische Utopie im Jahre 2062 angelegt, zeigte die Serie
eine Familie, die in einem Skypad lebte, Aero-Autos fuhr und ein
Roboterhausmädchen namens Rosy hatte. Trotz dieses Settings
machte sich der Trickfilm, wie der andere Hanna-Barbera-Klassiker Familie Feuerstein (der in der Vergangenheit spielt), über
das stereotype Vorstadtleben der 1950er Jahre lustig. Während
die Serie einerseits eine tröstliche »Projektion der amerikanischen
Modellfamilie in die Zukunft« zeigt,129 machten sich Die Jetsons
andererseits über gesellschaftliche Strukturen lustig, denen man
ewige Gültigkeit zuschreiben wollte, die aber bereits im Begriff
waren, revolutioniert zu werden. Indem die Serie die retrogressive 1950er-Jahre-Kultur in einem Phantasiemodell einer weit
entfernten Zeit situierte, schuf sie bereits zu diesem frühen Zeitpunkt etwas, das Novak die »Sehnsucht nach dem Futurismus
vergangener Jahre« nennt.130 »Als die Jetsons 1962 zum ersten
Mal auf Sendung gingen«, schreibt Land, »war das Goldene
Zeitalter zu Ende und das Gelächter begann.«131
128 Matt Novak, »50 Years of The Jetsons: why the show still matters«,
Paleofuture, 19. September 2012, blogs.smithsonianmag.com/
paleofuture/2012/09/50-years-of-the-jetsons-why-the-show-stillmatters/.
129 Ebd.
130 Ebd.
131 Nick Land, 29. Juli 2011.
134
LASER-GOTHIC
Zwanzig Jahre später, in den frühen 1980er Jahren, implodierte
die Science-Fiction-Vision der Zukunft mit dem Auftauchen des
Cyberpunks. Die klare und glitzernde Projektion einer Zukunft,
die »weit, weit weg« war, wurde als absurd verabschiedet. Stattdessen versuchte der Cyberpunk eine Zukunft zu entwerfen, die
nahgerückt und dreckig war, und uns an die Schwelle zum Morgen versetzte. »Die Zukunft ist bereits angekommen«, schrieb
bekanntlich William Gibson, der gefeiertste Vertreter des Cyberpunks, »sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt.«132 In diesem
neuen, düsteren und eher gotischen Futurismus existierten die
sozio-technologischen Mutationen weiter, die der Kapitalismus
hervorbrachte (die Geschwindigkeit der Veränderung stoppte ihn
nicht nur nicht, sondern beschleunigte ihn sogar), die sich abzeichnenden Transformationen, die kurz bevorstehen, konnten dennoch nicht mehr geplant, vorausgesagt oder kontrolliert werden.
132 Die Verbindung zu Science-Fiction in Diskussionen über Schanghai
ist nicht ungewöhnlich (fast jeder Besucher der Stadt vergleicht die
Skyline von Pudong mit der Kulisse von Blade Runner). Vor allem
Jeffrey Wasserstrom ruft dieses Genre oft in Erinnerung, wenn er
über die Stadt schreibt. Gibson hat Schanghai nicht besucht und die
Stadt taucht in keiner seiner Fiktionen direkt auf. Doch der Cyberpunk-Autor sagt im Vorwort zu Greg Girards Buch zur Photographie
Phantom Shanghai, dass Girards Bilder eines verschwindenden
Schanghais sich, wie Wasserstrom notiert, anfühlen wie »ein Ort, an
dem Phänomene von urbanen Zukünften, die in der Science-Fiction
heraufbeschworen werden, zum Leben erweckt wurden.« Siehe Jeffrey Wasserstrom, »Science Fiction Fantasies of Shanghai«, Danwei,
31. Dezember, 2008, www.danwei.org/ shanghai/_brief_history_of_
shanghais_f.php.
135
In seiner Kurzgeschichte Das Gernsback-Kontinuum zeichnet Gibson diese Veränderung der Zukunftswahrnehmung nach.
Die Geschichte ist nach Hugo Gernsback benannt, der durch die
Gründung des Pulp-Magazins Amazing Stories weitgehend als
Vater der traditionellen Science-Fiction angesehen wird. Im
Jahre 1911 schrieb Gernsback einen Roman mit dem Titel Ralph
124c41+, der typisch für die Form von Science-Fiction war, die
in seinem Magazin publiziert werden sollte. Die Geschichte beschrieb detailliert die Welt im Jahre 2660, eine Welt, die noch
über 600 Jahre entfernt war.
Gibsons Geschichte spielt in der Gegenwart. In ihr weichen
steril-utopische traditionelle Science-Fiction-Visionen dystopischen Vorstellungen einer chaotischen Zukunft, die schwer auszumalen und unbeherrschbar ist. Gibson macht sich über die
utopischen Visionen der Gernsback-Geschichten lustig, indem
er sie den schmerzhaften Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gegenüberstellt. »Die dreißiger Jahre träumten von weißem Marmor und hochglanzpoliertem Chrom, von unvergänglichem Kristallglas und patinierter Bronze«, schreibt er, »aber die Raketen
auf den Titelseiten der Gernsbackschen Pulps waren in tiefster
Nacht heulend auf London gefallen. Nach dem Krieg hatte jeder
ein Auto – ohne Flügel dran – und die versprochene Superautobahn zur flotten Fahrt, sodass der Himmel selbst sich verfinsterte
und die Auspuffgase den Marmor zerfraßen und das Wunderglas
rußig schwärzten …«133
Das Gernsback Kontinuum beginnt damit, dass ein Photograph den Auftrag bekommt, Fotos für ein Buch mit dem Titel Die
133 William
Gibson, »Das Gernsback Kontinuum«, in: ders., Cyber-
space, München 1988, S. 39-53.
136
windschlüpfrige Futuropolis: Das Morgen, das nie war zu
machen. Zu diesem Job gehört es, dass er sich in die Architektur
und das Design der amerikanischen Stromlinienmoderne vertieft, in einen Stil, den Gibson wegen seiner intrinsischen zeitlichen Komplexität »Laser-Gothic« nennt. Umgeben von Relikten
einer Zukunft, die nie kam, schlüpft der Protagonist durch »Wahrscheinlichkeitsmembrane« über »den Rand« und in die futuristische Welt der 1930er und 1940er Jahre. Er findet sich orientierungslos in der Nachbildung genau der Art von Zukunftsstadt
wieder, die er gesucht hatte. Sie sah aus wie auf »Skizzen einer
idealen Stadt, die an Metropolis und Things to Come erinnerte,
alles hoch Zwei, mit Zeppelindocks am perfekten Architektenhimmel und kühnen Neontürmen.« Der Photograph findet dieses
»Fantasy-Bühnenbild« zutiefst beunruhigend: Eine »Plastikwelt«
voller »Plastikmenschen«, in der alle wallende weiße Gewänder
tragen, blonde Haare, und »vermutlich blauäugig« sind. Hier, so
grübelt der Protagonist, lebten die Leute »mit einer Logik des
Traums, die nichts von Umweltverschmutzung ahnte, von den
endlichen Vorräten oder vom verlierbaren exportierten Krieg.«
Sie waren »geschniegelt und gebügelt, glücklich und zufrieden
mit sich und ihrer Welt.«134 Der Photograph erahnt in dieser
bildschönen und perfekten Welt eine groteske Blindheit und den
Schrecken eines totalitären Alptraums. »Suchscheinwerfer tasteten aus Spaß an der Freude den Himmel ab. Ich stellte mir vor,
wie sie die Plazas aus weißem Marmor bevölkerten, geordnet
und aufmerksam, in den strahlenden Augen die Begeisterung für
die lichtdurchfluteten Straßen und die Silberwagen. Es haftete
134 Ebd., S. 50.
137
dem die ungute Fruchtbarkeit von Hitlerjugendpropaganda
an.«135
Entsetzt über sein Eintauchen in diese Science-Fiction-Utopie, sucht Gibsons Hauptfigur ihre Rettung in der düsteren Welt
des Cyberpunks. Ein Ausweg erscheint durch das Wegtauchen
in die »verdichteten Katastrophen«. Schau so viel TV, wie du
kannst, wird ihm geraten; Pornos und Nachrichten-Clips unserer
»Beinahe-Dystopie« sind am wirksamsten. Zum Ende der Geschichte hin geht der Photograph zu einem Zeitungskiosk, um
sich mit Reportagen vom Krieg und von Umweltdesastern einzudecken. »Eine miese Welt, in der wir leben, was. Aber könnt
schlimmer sein, was?«, bemerkt der Verkäufer. »›Stimmt‹, sagte
ich«, schreibt Gibson und äußert dabei ein Schlüsselgefühl des
Genres, zu dessen Erfindung er beigetragen hat: »Oder – noch
schlimmer – perfekt.«136
Schanghais Retro-Futurismus
Die Zukunftsvisionen des 20. Jahrhunderts sind über einige
Jahrzehnte hinweg nach und nach kollabiert. Von einer unvorhergesehenen Realität bombardiert, verlor eine erschöpfte Kultur zunehmend das Vertrauen in das Vorwärtsdynamik der Moderne. Die Leute hatten aus den düsteren Folgen der utopischen
Visionen ihre Lehre gezogen, und wurden in Bezug auf irgendwelche Zukunftsvorhaben immer argwöhnischer. Dieses postmoderne Misstrauen, davon auszugehen, dass der Glaube an
135 Ebd.
136 Ebd.
138
die Zukunft einem vergangenen Zeitalter angehört, entspringt
jedoch einer sehr spezifischen Kultur und Geschichte.
Das moderne Schanghai litt nicht unter einer langsamen, allmählich zunehmenden Verdunkelung. Vielmehr wurde die frühe
Glanzzeit der Stadt plötzlich, gewaltsam und schlagartig unterbrochen. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Schanghai ein
wichtiger Schauplatz globaler Modernität. In den 1920er und
1930er Jahren, dem Goldenen Zeitalter der Stadt, beherbergte
die kosmopolitische Metropole Juden, Russen, Franzosen, Amerikaner, Briten und Japaner. Die Stadt war zudem ein Treffpunkt
für chinesische Migranten aus dem ganzen Land, so wie etwa
revolutionäre Schriftsteller, frühe Kommunisten, Gangster und
Großindustrielle, die ihre heimischen Wirkungsstätten auf der
Suche nach neuen Chancen verlassen hatten. Das Schanghai
der 1920er Jahre war eines der großen Zentren der Art-décoArchitektur und des Jazz-Zeitalters.137 Fast alle modernen Technologien kamen über Schanghai nach Asien. Gaslicht wurde
1865 eingeführt, das Telefon 1881, Elektrizität 1882, fließendes
Wasser 1884 und die Straßenbahn 1901. Schanghai war, so
Marie-Claire Bergère in ihrer maßgeblichen historischen Abhandlung, »Chinas Tor zur Moderne«.138 Auch bekannt als »Hure des Orients« und »Paris des Ostens«, war sie, wie der aus
Schanghai stammende Schriftsteller J. G. Ballard schreibt, »eine
elektrisierende und grelle Stadt, aufregender als jede andere auf
der Welt.«
137 Siehe Andrew Field, Shanghai’s Dancing World: Cabaret Culture and
Urban Politics, 1919-1954, Hong Kong 2010.
138 Marie-Claire
Bergère, Shanghai: China’s Gateway to Modernity,
Stanford 2009.
139
Diese Geschichte wurde von der jähen Intensität unerwarteter Ereignisse unterbrochen. Auf die Brutalität der japanischen
Invasion folgte ein Regime, das sich einer instantanen Utopie
verschrieben hatte. Vielleicht beeinflusst durch die Tradition der
»plötzlichen Erweckung«, die von der Zen-Philosophie propagiert
wurde, lehnte Mao die Marx’sche Theorie des schrittweisen Fortschritts (die Stufen einer dialektischen Geschichte) ab, und versprach stattdessen die direkte Revolution, angeführt von denen,
die »arm und leer« sind. Mao war natürlich von seinen eigenen
großen Visionen des Vorandrängens in die Zukunft angetrieben,
die, wie Jeffrey Wasserstrom darlegt, gern von den Zeitungskolumnisten wiederbelebt werden, wenn über den Futurismus von
heute geschrieben wird. »Chinas großer Sprung nach vorn« wurde als Titel für Berichte über alles Mögliche benutzt, von Chinas
Wettlauf um die Eroberung des Weltraums bis zu seiner Selbstbeweihräucherungsarchitektur.139 Doch die Zeitraffer-Eschatologie des kommunistischen Ideals, die auf eine bäuerliche Landbevölkerung setzte, könnte keinen größeren Gegensatz zum
städtischen Futurismus Schanghais darstellen. Die Zukunft, die
»für das globalisierende, technophile und piratenkapitalistische
Schanghai der 1920er und 1930er Jahre scheinbar zwangsläufig
war, kam abhanden«, schreibt Land, »da sich die in über einem
Jahrhundert der beschleunigten Modernisierung akkumulierte
Dynamik durch Luftverschmutzung, Invasion, Revolution und
agrarorientierte nationale Integration verloren hatte.«140 Die
139 Siehe zum Beispiel Mark Magnier, »China’s great leap upward«, Los
Angeles Times, 2. Januar 2005.
140 Nick Land, »A time-travelers guide to Shanghai (Part 2)«, Urban
Future, 27. Juli 2011. oldnicksite.wordpress.com/2011/07/27/a-timetravelers-guide-to-shanghai-part-2/
140
kosmopolitischste, modernste und kommerziellste Metropole
Chinas wurde in Schockstarre versetzt.
»Manchmal fühlt es sich so an, als ob die Zeit selbst in der
heutigen Stadt außer Kraft gesetzt worden wäre«, schrieb Lynn
Pan, die in den 1980er Jahren auf der Suche nach dem alten
Schanghai in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt war. »Die einzigen Veränderungen, die es gegeben hat, sind von Zusammenbruch und Verfall hervorgerufen. Die Stadt war vom dunklen Engel
der Entwicklung, dem Zerstörer historischer Relikte, kaum betroffen, aber sie profitierte auch nicht von behutsamer Bewahrung. Schmutz, der sich über Jahre hinweg angesammelt hat,
liegt so dick auf den Fassaden der Stadt, dass es scheint, als ob
der Ort von der Geschichte konserviert wurde.«141 Der Eindruck
einer »eingelegten« und konservierten Stadt hielt bis zu den frühen 1990er Jahren an. Erst dann versammelten sich die Kräne
über Schanghai und die Ära des Scheintods fand ihr Ende. Die
Geschichte Schanghais besitzt, wie Jeffrey Wasserstrom in seinem Buch Global Shanghai notiert, eine starke Affinität zum
Dornröschen-Mythos.142
141 Lynn Pann, In Search of Old Shanghai, Hong Kong 1982, S. 2.
142 Jeffrey
Wasserstrom, Global Shanghai: 1850-2010. A History in
Fragments, London 2008, S. 6. Die Idee, dass Schanghai während
der schrecklichen Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhundert einfach
eingeschlafen ist, war natürlich ein Mythos – wenngleich einer, den
die Stadt in den Geschichten, die sie über sich erzählt, gern unterstreicht (siehe zum Beispiel die Ausstellungen im Shanghai History
Museum, bei denen Mao fast gar nicht erwähnt wird). Zu mehr über
Schanghai in den Mao-Jahren siehe die Kapitel über 1950 und 1975
in Wasserstroms Buch und auch Marie-Claire Bergère, Shanghai:
China’s Gateway to Modernity, a.a.O.
141
1978, als Deng Xiaoping die revolutionäre gaige kaifang
(Reform- und Öffnungspolitik) einleitete, wurde Schanghai bewusst ausgeklammert. Das Handelszentrum wurde als zu wichtig betrachtet, um als Vortester des Experiments zu dienen. Stattdessen begann Deng Sonderwirtschaftszonen einzurichten, welche die Wirtschaft an weniger zentralen Orten, wie etwa Shenzhen und Xiamen ankurbeln sollten. Erst im Winter 1992, nach
seiner berühmten »Tour durch den Süden«, wurde Schanghai
endlich, wenn auch verspätet, von der Leine gelassen.
Das erste große Gebäude, das in der Ära des »neuen China«
errichtet wurde, war der Oriental Pearl Tower, ein Symbol des
aufblühenden Finanzdistrikts Pudong. Der Bau begann 1990
und dauerte vier Jahre. Mit 468 Metern Höhe war der Oriental
Pearl Tower von 1994 bis 2007 das höchste Gebäude in China,
und ist heute noch immer das wichtigste Wahrzeichen der Stadt.
Das Gebäude ist unmöglich zu übersehen. Es steht in der Nähe
des Flussufers auf einem dreifüßigen Fundament, das eine
Reihe von elf stahlsilberfarbenen Kugeln mit teilweise rötlichem
Überzug trägt. Sein bewusst archaisches Science-FictionDesign erinnert an Torontos CN Tower, der in den 1970er Jahren
gebaut wurde, an Berlins Fernsehturm, der 1969 fertiggestellt
wurde, und an den Seattle Space Tower, der für die Weltausstellung von 1962 errichtet wurde. Mitte der 1990er Jahre kam das
Wahrzeichen – zumindest Outsidern – wie eine Erscheinung aus
einer bereits vergangenen Zukunft vor. Der Oriental Pearl Tower
ist »ein monströser Turm … aus Beinen und Stützen und Sockeln
und Spitzen … ein Bastard von einem Turm«, schrieb Simon
Winchester in seinem Buch Der wilde Strom aus dem Jahre
1996. Der Tower ist »die Hightech-Fantasie eines Architekten,
dessen Auftrag eigentlich nur lautete, etwas zu bauen, das kühn
142
und symbolisch das 21. Jahrhundert verkörpern sollte.«143 Der
Oriental Pearl Tower ist, wie Seng Kuan in seinem maßgeblichen
Buch über den Schanghai-Urbanismus zustimmt, zwar »optisch
provokant, aber eine überholte Interpretation des Futurismus.«144 Ein Großteil der darauf folgenden Stadtarchitektur löst
das gleiche Gefühl aus. Sucht man das Stichwort Retro-Futurismus bei Wikipedia, so findet man ein Bild von Schanghai. Besonders hervorgehoben ist das Radisson Hotel, eines der alten Hochhäuser, das am People’s Square steht. Der Wolkenkratzer spielt
die Liebe der Stadt zu verrückten Dächern aus, mit einem riesigen, sich drehenden Restaurant auf dem Dach, das von außen
wie ein mitten in der Stadt gelandetes, gigantisches Ufo aussieht.
Die Wiedergeburt Schanghais war von Anfang an rückhaltlos
durch einen Futurismus geprägt, an dem die Stadt gefühlsmäßig
bereits vorbeigezogen war. »Die virtuelle Zukunft, die ihrem ›Goldenen Zeitalter‹ innewohnte, verfolgte sie weiter«, schreibt Land,
»und diese Zukunft überlebte auf gespenstische Weise als dunkle Ahnung ihrer urbanen Bestimmung. Mit der Wiederöffnung,
Anfang der 1990er Jahre, tauchte diese andere Bestimmung
wieder auf.«145 Die Expo 2010 feierte die Verkörperung dieses
retro-futuristischen Geistes überschwänglich. Wie Wasserstrom
bemerkt, reichen die Expo-Träume der Stadt über ein Jahrhundert zurück ins Jahr 1902, als Liang Qichao »Die Zukunft des
neuen China« verfasste, in dem er prophezeite, dass Schanghai
143 Simon Winchester, Der wilde Strom. Eine Reise auf dem Jangtse,
München 2000.
144 Seng Kuan, »Image of the Metropolis: Three Historical Views of
Shanghai«, in Seng Kuan und Peter Rowe (Hg.), Architecture &
Urbanism for Modern China, München 2004.
145 Nick Land, »A time-travelers guide to Shanghai (Part 2)«, a.a.O.
143
eines Tages die Weltausstellung ausrichten würde.146 Die Expo
2010 in Schanghai wurde als die Erfüllung einer lang erwarteten
Prophezeiung wahrgenommen. Die unverhohlene Umarmung der
Welt von Morgen durch die Stadt wurde besonders im »Pavillon
der Zukunft« deutlich, der in einem umgebauten Kraftwerk eingerichtet wurde, einem der raren Überbleibsel eines Industriekomplexes, zu dem auch die alte Jiangnan-Werft gehörte, die
sich einst an diesem Ort befand.147 Die Hülle der alten Struktur
blieb im umgebauten Steampunk-Dekor sichtbar – alte Rohrleitungen und Metallwände wurden in hängende Gärten in üppigem
Grün verwandelt. In der Halle im ersten Stock hing eine riesige
Skulptur aus recyceltem Abfall. Die Besucher betraten den Pavillon durch einen Tunnel, dessen Wände in riesige Bildschirme
verwandelt worden waren. Die Wörter »Yesterday’s Dreams of
Tomorrow« leiteten eine Montage klassischer Science-FictionVisionen ein – von Fritz Langs Metropolis bis zu dem MangaKlassiker Ghost in the Shell. Am Ende des Tunnels befand sich
ein Raum, der den modernen Meistern der Stadtplanung gewidmet war: Ebenezer Howard, Le Corbusier und Frank Lloyd
Wright.148 Im nächsten Raum wurden sowohl reale als auch
imaginäre zeitgenössische Projekte gezeigt, darunter David
Fishers Dynamischer Wolkenkratzer mit rotierenden Etagen,
Paolo Soleris Solare, The Lean Linear City, Mass Studies’ Seoul
146 Siehe Jeffrey Wasserstrom, »Science Fiction fantasies of Shanghai«,
a.a.O.; und Li Tangtang, »A Long Love Affair«, Beijing Review, 9. Mai
2009, www.bjreview.com.cn/nation/txt/2009-05/09/content_194750.htm.
147 Das Gebäude wird seitdem als Museum für zeitgenössische Kunst
genutzt.
148 Die Ausstellung hatte den Titel »Chinese Characteristics«, in Anspie-
lung auf Guanzi und Feng Shui.
144
Commune 2026 und natürlich Genslers Shanghai Tower, der
gigantischste Wolkenkratzer der Stadt, der 2014 fertiggestellt
werden sollte. Etwas weiter drinnen machten die Architekturpläne
utopischen Vorstellungen Platz. Auf einer riesigen Bildschirmwand wurden Zeichentrick-Kinder gezeigt, die erst in einer smarten Öko-Stadt fröhlich mit Rehen herumtollten, dann in einer weit
im All auf einer Umlaufbahn schwebenden Stadt zu sehen waren, und zuletzt in einer Unterwasser-Metropole, in der alle Atemgeräte trugen, um sich außerhalb der Stadt zu bewegen. Im letzten Raum des Pavillons wurden bereits existierende Technologien gezeigt, ein 3D-Fernseher, ein vernetzter Kühlschrank
und eine intelligente Toilette, als wollte man sagen, all diese
Zukunftsphantasien wären bereits verfügbar.
Dieser waghalsige Futurismus ist für viele der beunruhigendste Aspekt von Chinas gegenwärtigem Aufschwung. Das anbrechende »China-Jahrhundert«, das Peking so überschwänglich auf
der Olympiade 2008 feierte, wurde durch die Finanzkrise, die im
gleichen Jahr ausbrach, weiter beschleunigt. Die Krise ließ Europa und Amerika schwer angeschlagen zurück, mit tiefen Zweifeln
daran, was die Welt von morgen bringen würde. Als das Jahrzehnt zu Ende ging, blickten die Meinungsmacher, vor allem in
Amerika, mit wachsendem Unbehagen auf China. Eine breit rezipierte Untersuchung, die 2009 vom Global Language Monitor
veröffentlicht wurde, zeigte, dass das bei weitem bedeutendste
Nachrichtenthema des Jahrzehnts der chinesische Wirtschaftsaufschwung war, der die zweitplatzierte Internetstory – den IrakKrieg – um 400 Prozent übertraf. Die Leute in den Industrieländern
begannen sich Sorgen zu machen, ob sie noch in der Lage
waren, mit der riesigen technikaffinen Bevölkerung des Landes
und ihrer Fähigkeit, sich unerwartet völlig neue Industrien zu
145
anzueignen (bspw. die Übernahme der Marktführerschaft in grünen Technologien), mitzuhalten.149 Chinas scheinbar wundersames Vermögen, erstaunlich schnell riesige Infrastrukturprojekte
umzusetzen, war besonders besorgniserregend. Noch beunruhigender war, dass diese physischen Erfolge von einer spürbar
optimistischen Energie begleitet wurden. Der Economist beschrieb diese Entwicklung als »Umverteilung der Hoffnung«.150
Nach den sich immer weiter verfestigenden Narrativen von einer
globalen Neujustierung schien China nun, mehr als sonst jemand auf der Welt, das zu besitzen, was der Kolumnist David
Brooks in seinem Artikel »The Nation of Futurity« einen »eschatologischen Glauben an die Zukunft« genannt hat. Dieser Glaube
definiert laut Brooks den »Schmelzpunkt der Dynamik eines Landes«.151 Früher schien dieser Glaube Amerika zu definieren.
Heute ist er eher in Schanghai zu finden. »Wenn man verstehen
will, was es faktisch bedeutet, ›mit offenen Armen die Zukunft zu
begrüßen‹«, meint Martin Jacques, »dann gibt es keinen besseren Aussichtspunkt als China.«152 Diese offensichtliche Zukunftsorientierung ist überall in die Stadtlandschaft eingebettet.
Schon »bevor das Ereignis stattfand«, beobachtete Wasserstrom
in seinem Buch Global Shanghai, »sah die Stadt eher wie eine
Metropole aus, die bereits eine Expo veranstaltet hatte, als eine,
die sich gerade darauf vorbereitete.«153 Es ist kein Zufall, dass
149 Evan Osnos, »Green Giant«, The New Yorker, 21. Dezember 2009.
150 »The redistribution of hope«, The Economist , 16. Dezember 2010.
151 David Brooks, »The nation of futurity«, New York Times, 16. Novem-
ber 2009.
152 Martin JacWues, When China Rules the World, New York 2009, S. 21.
153 Jeffrey Wasserstrom, Global Shanghai, a.a.O., S. 128.
146
Hollywoodfilme, die versuchen, generell die Zukunft zu zeigen,
immer öfter in Schanghai gedreht werden (so etwa Code 46,
Looper und Her). »Schanghai ähnelt, vielleicht mehr als jede andere Stadt der Welt«, schreibt Wasserstrom, »bereits einem futuristischen Rummelplatz, auch wenn kein Zirkus in der Stadt
gastiert.«154
Virginia Postrel, deren Texte eher dem Cyberpunk als der
Science-Fiction zuzuordnen sind, meint, dass die im Westen weit
verbreitete Abneigung gegen den »Tomorrowism« nur beweist,
dass eine bestimmte Art von Futurismus dem Niedergang geweiht ist. Sie fordert uns auf, die ungeplante Dynamik der Zukunft
zu feiern, gegen die Art von inszeniertem Futurismus, wie er auf
der Weltausstellung präsentiert wurde, und über ihn hinaus:
»Ob man sich nun die Verbreitung japanischer Arbeitsmethodiken, die immer neuen Generationen von Silicon
Valley Start-ups, die Fresh-Food-Revolution, welche von
Alice Waters’ Chez Panisse nach Osten wanderte, oder
die logistischen Innovationen von Wal-Mart ansieht – die
kreative Destruktion des späten 20. Jahrhunderts hat
gezeigt, dass die öffentlichen und privaten Experten nicht
so viel über die Möglichkeiten der Technologie oder über
die Wünsche der Konsumenten wussten, wie sie glaubten. Der Fortschritt war längst nicht am Ende, aber er
würde zerstörerischer und überraschender sein, als es
irgendeine Weltausstellung je zeigen konnte.«155
154 Maura Elizabeth Cunningham und Jeffrey N. Wasserstrom, »China
Discovers World Expo Is No Olympics«, a.a.O.
155 Virginia Postrel, »The lost glamour of the World’s Fairs«, a.a.O.
147
Das Problem besteht jedoch darin, dass die Erkenntnis von einer
Zukunft, die außerhalb unserer Kontrolle liegt, mit einem lähmenden Gefühl des Zweifels einherging. Die berechtigte Desillusionierung utopischer Vorstellungen brachte einen tiefgreifenden
Verlust der Zukunft selbst mit sich. Nicht nur die Fähigkeit zu
planen scheint heute dem größten Teil der westlichen Welt zu
fehlen, sondern auch – und noch wichtiger – der Mut, sich auszumalen, was die Zukunft bringen wird. »Die Zukunft als solche«,
sagt der Theoretiker Mark Fisher, »ist der Retrospektion erlegen.«156 Und Postrel schreibt, dass es »unsere zynische Kultur
selbst« ist, die »mit den Weltausstellungen aufgeräumt hat.« 157
Im Vorwort zu Der Schock der Moderne, seinem großartigen
Buch über die Kunst der Moderne, beklagt Robert Hughes alles,
was in dem Jahrhundert zwischen 1898 und 1989 (dem Jahr, in
dem das Buch geschrieben wurde) verloren gegangen ist. Uns
sind, wie er schreibt, »Überschwänglichkeit, Idealismus, Zuversicht, das Gefühl, dass es noch viele Gebiete zu erforschen
gab«, abhandengekommen.158 Im besten Falle sollte der Futurismus der Weltausstellungen nicht einfach als choreographierte
Präsentation einer vorgeplanten Zukunft abgetan werden. Stattdessen, in ihrer enthusiastischen Feier des unmittelbar Bevorstehenden, fungieren die Weltausstellungen für die Städte, die sie
beherbergen, ob nun 1939 oder 2010, als Affirmation der Zukunft
selbst. Der Geist des absoluten Futurismus veraltet nie.
156 Mark
Fisher, »Opening remarks«, Accelerationism, Goldsmiths
College, University of
London, 14. September
2010,
backdoorbroadcasting.net/2010/09/accelerationism/.
157 Virginia Postrel, »The lost glamour of the World’s Fairs«, a.a.O.
158 Robert Hughes, Der Schock der Moderne: Kunst im Jahrhundert des
Umbruchs, Düsseldorf 1981.
148