Plant - Becoming Positive (German)Sadie Plant / text
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Die Viren blieben unerkannt, bis im späten 19. Jahrhundert ihre Funktionsweise
schließlich in solchem Ausmaß durch die Kommunikationsmaschinerie lief, daß sie zu
einem festen Bestandteil der kulturellen Codes wurden. Die frühesten erkennbaren
Viren vermehrten sich mit der Präzision der ersten blindschreibenden
Stenotypistinnen, verbreiteten sich mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten des
Telefons, reisten mit den Schaltsystemen der Elektrizität und duplizierten sich mit
den Rechenmaschinen. Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, als man zum ersten
Mal feststellte, daß mikrobische Gebilde alle früheren Netze, und seien sie noch so
fein, durchdrungen hatten, waren alle diese Kanäle bereits miteinander verbunden.
Ernsthafte Forschungsarbeiten zu den *flüssigen lebenden Ansteckungen*, wie man sie
damals nannte, wurden erst begonnen, als das amerikanische Militär erstmals das
Auftreten dessen, was 1900 als Viren bekannt werden sollte, am Menschen beobachtete.
Nach dem beim Gelbfieber beobachteten Muster wurden die Viren über einen Großteil
des nachfolgenden Jahrhunderts hinweg nach ihren, wie man damals dachte, drei Wirten
klassifiziert: Tiere, Pflanzen und die ihrerseits Tiere und Pflanzen als Wirte
benötigenden Bakterien.
Die Tatsache, daß sie nun auch einen Namen hatten, schien ihre rasche Vermehrung
sogar noch zu fördern. Die Viren, die unaufhörlich in neuen Formen auftraten,
mutierten und wieder verschwanden, waren unbekannte Größen, schlüpfrige
Zeichensätze, die die wissenschaftlichen Codes und Disziplinen, die ihnen auf die
Spur zu kommen und sie zu erforschen versuchten, vor gewaltige Probleme stellten.
Ausschließlich zur parasitischen Lebensweise geeignet, entwickelten und vermehrten
sie sich nur innerhalb ihres jeweiligen Wirts und weigerten sich hartnäckig, sich zu
erkennen zu geben - und sei es auch nur zum Zweck einer Analyse.